{"id":102,"date":"2026-08-07T18:25:38","date_gmt":"2026-08-07T18:25:38","guid":{"rendered":"https:\/\/bildungspflicht.org\/?page_id=102"},"modified":"2026-08-26T11:59:13","modified_gmt":"2026-08-26T11:59:13","slug":"schulpflicht-und-gesellschaftlicher-zusammenhalt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/bildungspflicht.org\/?page_id=102","title":{"rendered":"Schulpflicht und pluralistische Demokratie"},"content":{"rendered":"<nav aria-label=\"Inhaltsverzeichnis\" class=\"wp-block-table-of-contents\" id=\"toc\"><ol><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#pluralismus-als-bildungsziel\">Pluralismus als Bildungsziel<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#soziale-selektion-durch-die-schule\">Soziale Selektion durch die Schule<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#schultyp-und-politische-orientierung\">Schultyp und politische Orientierung<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#inklusion\">Inklusion<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#wertestrukturen-der-schule\">Wertestrukturen der Schule<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#mobbing\">Mobbing<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#privatschulen\">Privatschulen<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#gleichberechtigte-teilhabe\">Gleichberechtigte Teilhabe<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#radikalisierung\">Radikalisierung<\/a><\/li><li><a class=\"wp-block-table-of-contents__entry\" href=\"#fazit\">Fazit<\/a><\/li><\/ol><\/nav>\n\n\n<h3 id=\"pluralismus-als-bildungsziel\" class=\"wp-block-heading\">Pluralismus als Bildungsziel<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2006\/05\/rk20060531_2bvr169304.html\">Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2006<\/a> findet sich die folgende Stellungnahme zur Schulpflicht:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die allgemeine Schulpflicht dient als geeignetes und erforderliches Instrument dem legitimen Ziel der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrags. Dieser Auftrag richtet sich nicht nur auf die Vermittlung von Wissen und die Erziehung zu einer selbstverantwortlichen Pers\u00f6nlichkeit. Er richtet sich auch auf die Heranbildung verantwortlicher Staatsb\u00fcrger, die gleichberechtigt und verantwortungsbewusst an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhaben. Soziale Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden, gelebte Toleranz, Durchsetzungsverm\u00f6gen und Selbstbehauptung einer von der Mehrheit abweichenden \u00dcberzeugung k\u00f6nnen effektiver einge\u00fcbt werden, wenn Kontakte mit der Gesellschaft und den in ihr vertretenen unterschiedlichen Auffassungen nicht nur gelegentlich stattfinden, sondern Teil einer mit dem regelm\u00e4\u00dfigen Schulbesuch verbundenen Alltagserfahrung sind (vgl. BVerfG-K 1, 141 &lt;143&gt;).<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird offenbar das Interesse des Staates an toleranten, pluralistisch gesinnten B\u00fcrger*innen \u00fcber die Freiheit der Kinder gestellt wird, selbstbestimmte Bildungswege zu finden. Dies ist eine Entscheidung, die angesichts <a href=\"https:\/\/www.unicef.de\/informieren\/ueber-uns\/fuer-kinderrechte\/un-kinderrechtskonvention\">der UN Kinderrechtskonvention<\/a> sicherlich diskussionsw\u00fcrdig ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"soziale-selektion-durch-die-schule\" class=\"wp-block-heading\">Soziale Selektion durch die Schule<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch selbst wer dem Bundesverfassungsgericht in dieser Priorisierung folgt, muss belegen, dass die Schulpflicht tats\u00e4chlich geeignet ist, das Ziel der pluralistischen und toleranten Gesellschaft zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies scheint auf den ersten Blick bereits wenig plausibel, da das deutsche Schulsystem darauf optimiert ist, Kinder in maximal homogene Gruppen zu sortieren. Bereits die strikte Gliederung nach Jahrgangsstufen sorgt daf\u00fcr, dass Kinder in aller erster Linie mit Gleichaltrigen sozialisiert werden, statt einen Austausch auf Augenh\u00f6he mit Menschen verschiedener Generationen zu erleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu kommt das mehrgliedrige Schulsystem, das die Kinder stark nach ihrem sozio\u00f6konomischem und kulturellen Hintergrund sowie dem Grad der Behinderung und\/oder Neurodivergenz in mehr oder weniger homogene Gruppen sortiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu hei\u00dft es zum Beispiel im <a href=\"https:\/\/www.bildungsbericht.de\/de\/bildungsberichte-seit-2006\/bildungsbericht-2016\/pdf-bildungsbericht-2016\/wichtigste-ergebnisse-bildungsbericht-2016\/@@download\/file\/wichtige_ergebnisse_presse2016.pdf\">Bildungsbericht 2016<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage der sozialen Selektivit\u00e4t bleibt nach wie vor aktuell. Seit l\u00e4ngerer Zeit ist dieser Befund unbestritten, hinreichend belegt und bleibt als eine der dringlichsten Herausforderungen bestehen. Dass es dem Bildungssystem in Deutschland trotz betr\u00e4chtlicher Bem\u00fchungen in Bildungspraxis und Bildungspolitik auch bei erkennbaren Fortschritten noch nicht gelungen ist, den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nachhaltig aufzubrechen, verweist erneut auf den besonderen Handlungsbedarf, der es erforderlich macht, L\u00f6sungsans\u00e4tze \u00fcber die verschiedenen Bildungsbereiche hinweg zu konzipieren.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Bild hat sich auch in den letzten zehn Jahren nicht ver\u00e4ndert, wie unter anderem in <a href=\"https:\/\/www.unicef.de\/informieren\/aktuelles\/presse\/-\/unicef-studie-kindeswohl-2026\/397376\">einem Bericht der UNICEF von 2026<\/a> wieder festgestellt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"schultyp-und-politische-orientierung\" class=\"wp-block-heading\">Schultyp und politische Orientierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine<a href=\"https:\/\/kops.uni-konstanz.de\/server\/api\/core\/bitstreams\/7d4a714d-4188-4272-98a1-6e337108e601\/content\"> aktuelle Studie der Universit\u00e4t Konstanz<\/a> legt weiterhin nahe, dass die Sortierung von Kindern in Schultypen auch zu einer politischen Polarisierung beitr\u00e4gt. Sch\u00fcler*innen, die ein Gymnasium besuchen haben deutlich \u00f6fter eine Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die Gr\u00fcnen als Sch\u00fcler*innen anderer Schulen, daf\u00fcr steht die AfD bei ihnen drastisch niedriger im Kurs. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"523\" src=\"https:\/\/bildungspflicht.org\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ParteiSchultyp-1024x523.png\" alt=\"Diagramm zu den Parteipr\u00e4ferenzen von Jugendlichen abh\u00e4ngig von Schultyp und sozio\u00f6konomischen Hintergrund\n\n\" class=\"wp-image-106\" srcset=\"https:\/\/bildungspflicht.org\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ParteiSchultyp-1024x523.png 1024w, https:\/\/bildungspflicht.org\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ParteiSchultyp-300x153.png 300w, https:\/\/bildungspflicht.org\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ParteiSchultyp-768x392.png 768w, https:\/\/bildungspflicht.org\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ParteiSchultyp.png 1464w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Parteiliche Pr\u00e4ferenzen von Sch\u00fcler*innen der Jahrgangsstufe 9, nach Schulform und Bildungsstand der Eltern. Quelle: <a href=\"https:\/\/kops.uni-konstanz.de\/server\/api\/core\/bitstreams\/7d4a714d-4188-4272-98a1-6e337108e601\/content\">BUSEMEYER, Marius R., Nadja WEHL, Susanne GARRITZMANN, 2026.&nbsp;<em>Politische Polarisierung in der Schule? Entwicklungstendenzen unter Jugendlichen im Bundesl\u00e4ndervergleich<\/em><\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"inklusion\" class=\"wp-block-heading\">Inklusion<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/bildungspflicht.org\/?page_id=111\" data-type=\"page\" data-id=\"111\">Dass die Mehrheit aller Kinder mit Behinderungen nicht an Regelschulen unterrichtet wird<\/a>, verst\u00e4rkt die Bildung kleiner, in sich eher homogener Sozialblasen noch. Die meisten nicht-behinderten Kinder kommen weiterhin in ihrem Schulalltag nicht mit behinderten Kindern in Ber\u00fchrung. Die Ignoranz \u00fcber die Vielf\u00e4ltigkeit menschlichen Lebens wird damit fortgeschrieben, sch\u00e4dliche Vorurteile werden so zementiert. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--1\"><a class=\"wp-block-button__link has-contrast-color has-accent-2-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-element-button\" href=\"https:\/\/bildungspflicht.org\/?page_id=111\" style=\"border-top-left-radius:56px;border-top-right-radius:56px;border-bottom-left-radius:56px;border-bottom-right-radius:56px;border-top-style:none;border-top-width:0px;border-right-color:var(--wp--preset--color--accent-4);border-right-width:3px;border-bottom-color:var(--wp--preset--color--accent-4);border-bottom-width:3px;border-left-style:none;border-left-width:0px\">Mehr zum Thema Inklusion<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"wertestrukturen-der-schule\" class=\"wp-block-heading\">Wertestrukturen der Schule<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schule selbst gibt wiederum ein starres System von Bewertungen vor, nach denen alle Sch\u00fcler*innen in &#8222;besser&#8220; und &#8222;schlechter&#8220; unterteilt werden. Dabei werden die Kinder nicht als ganzheitliche Menschen wahrgenommen, die in all ihren Unterschieden gleicherma\u00dfen wertvoll sind. Kenntnisse von Sprachen, die nicht in der Schule unterrichtet werden, z\u00e4hlen ebenso wenig wie Kochk\u00fcnste, Kreativit\u00e4t und Originalit\u00e4t, oder F\u00fcrsorglichkeit gegen\u00fcber anderen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kinder, deren Begabungsprofil nicht dem Durchschnitt entspricht, und deren Lernverhalten mit den schulischen Vorgaben nicht vereinbar ist, erhalten in der Regel schlechte Noten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die verschiedenen Schulformen sind keineswegs gleichwertig. Die Gymnasien genie\u00dfen das meiste Prestige und er\u00f6ffnen das gr\u00f6\u00dfte Spektrum an Zukunftschancen. Hauptschulabschl\u00fcsse sind auf dem Arbeitsmarkt praktisch wertlos, und die Mehrzahl aller Kinder und Jugendlichen auf F\u00f6rderschulen verl\u00e4sst die Schule ohne Abschluss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt Toleranz und Pluralismus lernen die Kinder auf der Schule so, dass manche Menschen mehr wert sind als andere. Und dass unsere Gesellschaft Privilegien auf Grundlage recht arbitr\u00e4rer Kriterien (und vor allem auf Grundlage bereits ererbter Privilegien) verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"mobbing\" class=\"wp-block-heading\">Mobbing<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade marginalisierte Sch\u00fcler*innen erleben an Schulen nicht selten Gewalt und Mobbing. <a href=\"https:\/\/edoc.rki.de\/bitstream\/handle\/176904\/6972\/JoHM_03_2020_HBSC_Mobbing.pdf?sequence=1&amp;isAllowed=y\">Statistisch gesehen d\u00fcrfte es in jeder Klasse mehrere Kinder geben, die gemobbt werden<\/a> oder wurden. Das bedeutet, dass die meisten Kinder w\u00e4hrend ihrer Schulzeit entweder T\u00e4ter*innen, Opfer, oder Zeug*innen von Mobbing werden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Reaktion der Schulen ist die Forschungslage d\u00fcnn, die anekdotische Evidenz aus dem eigenen Umfeld zeigt allerdings, dass Schulen zumeist nicht willens oder in der Lage sind, Kinder vor Mobbing zu sch\u00fctzen. In den meisten F\u00e4llen bereitet erst ein Schulwechsel, meist der Opfer, dem Mobbing ein Ende. Insofern diese Beobachtungen repr\u00e4sentativ sind, werden sehr viele Kinder die Erfahrung machen, dass marginalisierte Mitmenschen durch staatliche Institutionen nicht vor Gewalt gesch\u00fctzt werden. Ob solche Erfahrungen f\u00fcr Toleranz, Pluralismus, und gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen, darf bezweifelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"privatschulen\" class=\"wp-block-heading\">Privatschulen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2026\/01\/PD26_N003_21.html\">Der Anteil privater Schulen an den allgemein bildenden Schulen steigt in Deutschland stetig.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen private Schulen eine sinnvolle Erg\u00e4nzung zum staatlichen Schulsystem sein, zumal sie R\u00e4ume f\u00fcr progressive p\u00e4dagogische Konzepte er\u00f6ffnen, die das reformbed\u00fcrftige Programm staatlicher Schulen vermissen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Privatschulen sind auch durch gestaffelte Beitragsstrukturen f\u00fcr Kinder aus unterschiedlichen sozio\u00f6konomischen Bereichen zug\u00e4nglich. Allerdings gibt es auch sehr teure Privatschulen, die nur f\u00fcr besonders wohlhabende Familien eine Option darstellen. Diese bef\u00f6rdern damit eine enge Selektion in sozio\u00f6konomisch homogene Gruppen und isolieren Kinder von den Lebensrealit\u00e4ten der Mehrheitsgesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"gleichberechtigte-teilhabe\" class=\"wp-block-heading\">Gleichberechtigte Teilhabe<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Betrachten wir noch einmal den folgenden Teil des Zitats aus der Stellungnahme des Bundesverfassungsgerichts:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er richtet sich auch auf die Heranbildung verantwortlicher Staatsb\u00fcrger, die gleichberechtigt und verantwortungsbewusst an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhaben.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Staatliche Regelschulen r\u00e4umen Sch\u00fcler*innen aber keine gleichberechtigte, demokratische Teilhabe an der individuellen Gestaltung ihrer Lernprozesse und gemeinschaftlichen Diskussion \u00fcber die Bedingungen ihrer Bildung ein. Im Gegenteil wird ihnen kleinteilig und pr\u00e4zise vorgeschrieben, wo, wann, und wie sich Kinder mit welchen Inhalten besch\u00e4ftigen sollen. Eine Abstimmung \u00fcber Modalit\u00e4ten und Themen des Unterrichts findet in den meisten Schulen bestenfalls marginal statt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Gegenmodell zur traditionellen Beschulung stellen <a href=\"https:\/\/www.freie-alternativschulen.de\/?_a=1786178553469\">freie Schulen<\/a> dar. Hier stehen individuelle Entwicklung, kollaborative Probleml\u00f6sung und demokratische Teilhabe tats\u00e4chlich im Vordergrund. Solche Schulformen k\u00f6nnen geeignet sein, Kindern demokratische Werte zu vermitteln. Traditionelle Schulen sind im Vergleich dazu weitestgehend demokratiefreie R\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"radikalisierung\" class=\"wp-block-heading\">Radikalisierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir verstehen hier die Aufhebung der Schulpflicht als eine Ma\u00dfnahme, die jungen Menschen das Recht einr\u00e4umt, ihre Bildungswege frei selbst zu w\u00e4hlen. Dies entl\u00e4sst explizit den Staat <strong>nicht<\/strong> von seiner Pflicht, f\u00fcr ein inklusives Schulsystem zu sorgen. Sie ist auch <strong>nicht<\/strong> gedacht als ein Recht der Eltern, ihre Kinder zu isolieren und zu indoktrinieren. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Praxis gibt es leider tats\u00e4chlich einzelne Menschen und Gruppen, die ihre Kinder gezielt von schulischer Bildung ausschlie\u00dfen, um sie zu indoktrinieren, zum Beispiel in der rechtsradikalen Sekte der Anastasiabewegung. Diese Praxis steht der Idee des Freilernens diametral entgegen, weil es eben nicht um die Freiheit der Kinder geht, sondern im Gegenteil, um die Macht der Sorgeberechtigten \u00fcber die Kinder. Allerdings finden diese radikalen Gruppen bereits jetzt Mittel und Wege, sich dem System der deutschen Schulaufsicht zu entziehen. Gerade weil sie bereit sind, sich gesellschaftlich stark zu isolieren, ist es den Mitgliedern m\u00f6glich, unterzutauchen, und zum Beispiel durch intransparente Wohnungswechsel das Auffinden der Kinder zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von einer Aufhebung der Schulpflicht w\u00fcrden besonders solche Familien profitieren, die ihren Platz in der demokratischen Gesellschaft nicht aufgeben m\u00f6chten. Die einen positiven Beitrag leisten und teilhaben m\u00f6chten an den legalen Strukturen unserer Gesellschaft. Die Aufhebung der Schulpflicht w\u00fcrde legale M\u00f6glichkeiten schaffen, junge Menschen selbstbestimmt lernen zu lassen und dabei im konstruktiven Austausch mit Schulen und Beh\u00f6rden zu stehen. Aktuell treibt die Schulpflicht gerade jene Familien in die Isolation und Illegalit\u00e4t, die eigentlich offen und anschlussf\u00e4hig gegen\u00fcber demokratischen Einrichtungen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch ist es unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig, wegen der M\u00f6glichkeit zum Missbrauch die Freiheitsrechte der jungen Menschen so radikal zu beschr\u00e4nken. Schlie\u00dflich verbieten wir auch nicht pauschal die Nutzung von Autos, obwohl sie sich als Mordwaffe nutzen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Kontext m\u00f6chten wir noch zwei weitere \u00dcberlegungen anbringen. Zum einen radikalisieren sich Menschen nicht unbedingt in der Kindheit oder Jugend. Viele werden im Erwachsenenalter zu Verschw\u00f6rungstheoretikern oder entwickeln Sympathien f\u00fcr radikale Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Falls wir tats\u00e4chlich Toleranz, Pluralismus, und demokratische Verantwortung \u00fcber individuelle Freiheit stellen, so d\u00fcrfen die daraus resultierenden Pflichten daher nicht auf Kinder beschr\u00e4nkt sein. Konsequent w\u00e4re eine Pflicht f\u00fcr alle, regelm\u00e4\u00dfig zum Beispiel an partei\u00fcbergreifenden Treffen zur Besprechung politischer Fragen teilzunehmen, und Verantwortung f\u00fcr gemeinsame Beschl\u00fcsse zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum anderen gilt beim Aufwachsen von Kindern die Devise &#8222;it takes a village&#8220;. In den meisten traditionellen Gesellschaften wachsen Kinder mit einer Vielzahl von Bezugspersonen auf, und genie\u00dfen weitgehende Freiheiten bei der Entscheidung, wo sie essen oder schlafen (vgl. zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/highereducation\/books\/the-anthropology-of-childhood\/91554F9D4B83BEA461AB98B6F7CFC10F#overview\">Lancy 2022<\/a>). Das Konzept der Kernfamilie ist recht spezifisch f\u00fcr moderne, westliche Gesellschaften und erzeugt besonders starke Abh\u00e4ngigkeiten von Kindern zu ihren Erziehungsberechtigten, meist den biologischen Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir uns f\u00fcr einen Moment eine Gesellschaft vorstellen, in der jedem Kind ein diverses, generationen\u00fcbergreifendes Netzwerk aus Verwandten, Freundinnen und Nachbarn zur Verf\u00fcgung steht, und in der Kinder ein hohes Ma\u00df an Selbstbestimmung genie\u00dfen; dann l\u00e4sst sich erahnen, wie viel unabh\u00e4ngiger Kinder in einer solchen Gesellschaft von der Weltanschauung ihrer Eltern w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Schulpflicht sollen Probleme behoben werden, die durch die k\u00fcnstliche Schaffung starker Abh\u00e4ngigkeiten zwischen Kindern und Erziehungsberechtigten erst erzeugt werden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Radikalisierung zu vermeiden, ist ein wichtiges Anliegen. Daf\u00fcr ausschlie\u00dflich Kinder drastisch in ihrer Freiheit einzuschr\u00e4nken, ist allerdings weder ein geeignetes noch ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiges Mittel dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 id=\"fazit\" class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Schullandschaft, die tats\u00e4chlich Toleranz und Pluralismus vermitteln will, kann keine F\u00f6rderschulen haben. Sie kann keine Hauptschulen haben, keine Gymnasien und keine teuren Privatschulen. Wenn in der Schule demokratische Werte erlernt werden sollen, m\u00fcssen zudem die Schulen selbst demokratisch organisiert sein, und von Anfang an den Gestaltungswillen der Kinder achten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die h\u00e4usliche Beschulung steht einer pluralistischen Gesellschaft durchaus nicht entgegen. Zum einen, weil es auch au\u00dferhalb der Schule unz\u00e4hlige Gelegenheiten gibt, Menschen unterschiedlichster Hintergr\u00fcnde, Lebenslagen und Generationen kennenzulernen. Zum anderen, weil das Recht auf individuelle Gestaltung des eigenen Bildungswegs gerade anerkennt, dass Menschen unterschiedlich lernen und leben k\u00f6nnen, und dass nicht alle in das gleiche Raster passen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pluralismus und Toleranz werden nicht dadurch gef\u00f6rdert, dass bereits kleine Kinder in ein extrem selektives, hierarchisches System sortiert werden, welches sie zum Konformismus zwingt. Sondern dadurch, dass wir eine Gesellschaft schaffen, die tats\u00e4chlich pluralistisch und tolerant gegen\u00fcber unterschiedlichen Lebensentw\u00fcrfen ist, die sich aktiv gegen Marginalisierung einzelner Gruppen stellt, Menschen nicht in mehr oder weniger wertvoll unterteilt, und die Kindern Selbstbestimmung und Gestaltungsspielr\u00e4ume erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#toc\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pluralismus als Bildungsziel In einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2006 findet sich die folgende Stellungnahme zur Schulpflicht: Die allgemeine Schulpflicht dient als geeignetes und erforderliches Instrument dem legitimen Ziel der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrags. Dieser Auftrag richtet sich nicht nur auf die Vermittlung von Wissen und die Erziehung zu einer selbstverantwortlichen Pers\u00f6nlichkeit. 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