Bildungspflicht statt Schulpflicht

Das deutsche Schulsystem steht vor enormen Herausforderungen. Vielen Schüler*innen wird es nicht gerecht. Dennoch zwingt die Schulpflicht alle Kinder dazu, sich in dieses System einzugliedern, auch wenn einige gerade dadurch ihr Recht auf Bildung nicht wahrnehmen können, und viele das System Schule letztlich ohne Abschluss und berufliche Perspektiven verlassen.

Wir fordern, dass die Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzt wird. Kinder müssen die Möglichkeit haben, gemeinsam mit ihren Angehörigen selbstbestimmt einen Weg zur Erreichung ihrer Bildungsziele zu finden.

Die so entstehenden Freiräume sind ein wesentlicher Faktor für die Transformation unseres Schulsystems hin zu demokratischeren, inklusiveren, und zukunftsfähigeren Modellen. Ganz besonders für neurodivergente Kinder, an denen das Schulsystem in ganz besonderem Maße scheitert, können durch die Aufhebung der Schulpflicht und die Entwicklung alternativer Bildungswege vor langfristigem Schaden bewahrt werden.

Auf dieser Seite sammeln wir Informationen und Argumente. Wir wollen einen Raum für eine Diskussion schaffen, die politische Spielräume erschließen soll.

FAQ

Eine Karte Europas, inklusive Türkei und Georgien. Sie zeigt, dass außer Deutschland nur wenige Staaten Europas eine Schulpflicht haben.

In den Ländern Europas ist die Schulpflicht die Ausnahme. Nur sieben von 36 Ländern Europas haben eine Schulpflicht. Die anderen Länder haben lediglich eine Bildungspflicht.

Selbst die Länder, in denen die Schulpflicht gilt, erlauben zumeist Entbindung von der Schulpflicht unter bestimmten Bedingungen. Nur die wenigsten Länder haben eine vergleichbar strenge Schulpflicht wie Deutschland.

Hier gibt es mehr Informationen zur Schulpflicht im internationalen Vergleich.

Die Schulpflicht sorgt nicht dafür, dass Kinder sich gut für zukünftige Berufe qualifizieren können oder gute Aufstiegschancen haben.

Basierend auf einer aktuellen Studie (2026) schreibt die UNICEF über das deutsche Schulsystem:

Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik. Im Gesamtvergleich der akademischen und sozialen Kompetenzen liegt Deutschland auf Platz 34 von 41 Ländern. Länder wie Irland (Platz 1 bei den Kompetenzen), Slowenien (Platz 2) oder die Republik Korea (Platz 3) zeigen, dass bessere Ergebnisse möglich sind – auch mit teils deutlich schlechterer wirtschaftlicher Ausgangslage. In Deutschland ist zudem der Abstand zwischen Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten und denen aus privilegierten Familien besonders groß: Unter den Jugendlichen aus benachteiligten Familien erreichen nur 46 Prozent die grundlegenden Kompetenzen. In privilegierten Familien sind es dagegen 90 Prozent.

Bei Studien wie PISA schneiden Länder mit Schulpflicht nicht besser ab als Länder ohne Schulpflicht.

Pisa-Ergebnisse in Ländern mit und ohne Schulpflicht. Länder ohne Schulpflicht schneiden im Durchschnitt besser ab. Der Unterschied ist nicht signifikant.

Nach bisherigen Studien erzielen häuslich beschulte Kinder außerdem höhere akademische Erfolge als traditionell beschulte Kinder, siehe zum Beispiel:

Joseph Murphy (2014) The Social and Educational Outcomes of Homeschooling, Sociological Spectrum, 34:3, 244-272, DOI: 10.1080/02732173.2014.895640

Brian D. Ray & Braden Hoelzle (2026) A Nationwide Study on the Academic Achievement of Homeschool Students and Parents’ Reasons for Homeschooling, Peabody Journal of Education, 101:2, 193-211, DOI: 10.1080/0161956X.2025.2605901

Schulpflicht ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für gelingende Bildung und akademischen Erfolg.

Für die Begründung der Schulpflicht verwies das Bundesverfassungsgericht auf das Interesse des Staates, seine Kinder zu Toleranz, Pluralismus und demokratischer Teilhabe zu erziehen.

Zum einen ist nicht klar, dass dieses Interesse einen höheren Stellenwert haben sollte als das Selbstbestimmungsrecht der Kinder. Als Gesellschaft sollten wir in der Lage sein, Lösungen für unsere Probleme zu finden, die nicht ausschließlich über die Einschränkung von Kinderrechten funktionieren.

Zum anderen bleibt der Nachweis aus, dass die Schulpflicht die genannten Ziele erfüllt. Empirische Befunde und die Grundbedingungen des deutschen Schulsystems legen das Gegenteil nahe:

Das Schulsystem sortiert bereits kleine Kinder in Förder- vs. Grundschüler*innen, danach in Gymnasiast*innen, Realschüler*innen und Hauptschüler*innen. Den Kindern ist sehr früh bewusst, dass diese Schulformen nicht gleichwertig sind, sondern mit unterschiedlichen Privilegien und Chancen einhergehen. Der Zugang zu unterschiedlichen Schulformen hängt nach wie vor in erster Linie vom Behindertengrad und sozioökonomischen Hintergrund der Kinder ab, nicht von ihren Bildungszielen.

Entsprechend darf es nicht verwundern, dass die Schulform, die ein junger Mensch besucht, entscheidend mit politischen Einstellungen korreliert, wie eine Studie der Universität Konstanz von 2026 zeigt.

Parteiliche Präferenzen von Schüler*innen der Jahrgangsstufe 9, nach Schulform und Bildungsstand der Eltern. Quelle: BUSEMEYER, Marius R., Nadja WEHL, Susanne GARRITZMANN, 2026. Politische Polarisierung in der Schule? Entwicklungstendenzen unter Jugendlichen im Bundesländervergleich

Es ist auch nicht erkennbar, dass Staaten, die keine Schulpflicht haben, gesellschaftlich stärker gespalten oder weniger tolerant wären. Der angenommene Zusammenhang zwischen Schulpflicht und pluralistischer Demokratie ist damit nicht plausibel.

Hier finden sich weitere Fakten und Gedanken zum Thema.

Häufig wird als Argument für die Schulpflicht angeführt, dass ohne sie eine inklusive Beschulung nicht gewährleistet würde. In Deutschland wurde bereits im Mittelalter teilweise eine Schulpflicht eingeführt, durchgängig und geschlechterübergreifend gilt sie seit 1919. Auch im dritten Reich galt die Schulpflicht, sie wurde lediglich für behinderte Kinder außer Kraft gesetzt.

2009 hat Deutschland außerdem die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben, die erfordert, dass alle Kinder gemeinsam beschult werden können, unabhängig von Behinderungen. Dennoch werden über die Hälfte aller Kinder mit Behinderung exklusiv beschult. Damit steht Deutschland innerhalb Europas als eins der Länder dar, die Inklusion am schlechtesten umsetzen.

Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Regelschulen zumeist nicht barrierefrei für behinderte Kinder sind. Zwar wurden, richtigerweise, viele Aufzüge und Rampen gebaut. Für eine barrierearme Lernumgebung braucht es jedoch darüber hinaus viele andere Maßnahmen, darunter ein hohes Maß an Autonomie und Mitbestimmung durch die Schüler*innen, wie zum Beispiel diese Handreichung darstellt.

Insgesamt steht das deutsche Schulsystem aktuell den Bildungszielen vieler behinderter Schüler*innen im Weg. Es muss unbedingt inklusiver werden, je eher, desto besser. Aktuell können behinderte Kinder, die aus Mangel an staatlichen Angeboten einen selbstbestimmten Bildungsweg wählen, gewaltsam zum Schulbesuch gezwungen oder institutionalisiert werden. Ihre Erziehungsberechtigten werden kriminalisiert und können das Sorgerecht verlieren.

Mehr zum Thema findet sich hier.

Ganz besonders im Kontext von Autismus ist der Stand der Inklusion verhältnismäßig katastrophal. Eine inklusive Beschulung autistischer Schüler*innen würde wahrscheinlich eine radikale Reform des Schulsystems erfordern.

Mehr dazu findet sich hier.

Die allermeisten Kinder haben ein tief sitzendes Bedürfnis nach Austausch mit anderen und gemeinsamem Lernen. Das gilt auch für Kinder, die aus verschiedensten Gründen nicht in der Schule lernen können und wollen. Wir können uns als Gesellschaft dazu entscheiden, auch diesen Kindern Gemeinschaft zu ermöglichen.

Viele gute Angebote existieren bereits. Öffentliche Schwimmbäder und Bibliotheken, Spielplätze und Sportvereine, Makerspaces und Repaircafés sind Beispiele dafür. Auch schulische Angebote wie Chöre und Orchester, oder AGs für Schach, Gartenarbeit oder die Schülerzeitung könnten geöffnet werden für außerschulisch lernende Kinder aus der Nachbarschaft.

Ein wichtiger Baustein für das Lernen außerhalb der Schule sind in jedem Fall auch online Angebote. Auch in Videokonferenzen und Chatrooms können sich junge Menschen miteinander vernetzen und viele Spielarten von Sozialverhalten einüben. Diese Option wird unter anderem für Autist*innen besonders wichtig sein. Weil sie in Gruppen vorwiegend neurotypischer Menschen zum Masking gezwungen sind, kann das Aushalten sozialer Interaktionen in solchen Situationen extremen Stress verursachen. Die Kommunikation online erlaubt dagegen mehr Kontrolle und Sicherheit. Auch können sich so mehrere autistische Kinder untereinander vernetzen und damit soziale Räume schaffen, in denen Masking nicht nötig ist.

Mehr Informationen zu Autismus und Schulpflicht gibt es hier.

Schließlich wird es immer einige wenige Fälle geben, in denen Individuen die Gesellschaft ihrer eigenen Gedanken der ihrer Mitmenschen vorziehen. Solche Menschen hat es immer gegeben. Prominente Beispiele sind Emily Dickinson und Henry Cavendish. Wir sind der Meinung, dass es in einer freien Gesellschaft einen Raum geben muss für Individuen, die sich der Gemeinschaft größtenteils entziehen.

Es gibt viele erfolgreiche Praktiken und Spielarten des außerschulischen Lernens. Wenn wir uns als Gesellschaft dazu durchringen können, Kindern individuelle Freiheiten beim Finden ihrer Bildungswege zu gewähren, können wir auf einen reichen Schatz aus Erfahrungen und Ideen aus verschiedenen Ländern und Traditionen zurückgreifen.

Studien aus den USA stellen zudem immer wieder fest, dass außerschulisch lernende Kinder besser in standardisierten Tests abschneiden als Kinder, die in der Schule lernen, und zwar unabhängig vom Einkommen der Sorgeberechtigten.

Für alle Formen des außerschulischen Lernens können folgende Arten von Ressourcen eine wichtige Rolle spielen:

  • Online Kurse zu bestimmten Themen
  • Lerngruppen online und vor Ort
  • Geteiltes Lehrmaterial
  • Exkursionen

Kinder, die außerschulisch lernen, könnten dennoch mit lokalen Schulen im Austausch stehen. In vielen Ländern ohne Schulpflicht sind auch regelmäßige Lernstandsüberprüfungen der außerschulisch lernenden Kinder vorgesehen.

Schulabschlüsse können in Deutschland auch von schulexternen Menschen abgelegt werden, sodass auch außerschulisch Lernende einen Realschulabschluss oder Abitur erwerben können.

Bereits jetzt existieren internationale Netzwerke von Kindern und Jugendlichen, die außerschulisch lernen. Durch die individuellen Bildungswege und den Austausch untereinander können innovative Konzepte und Projektideen entstehen, die das Potential haben, die Bildungslandschaft als Ganzes zu bereichern.