Hintergrund
Es gibt mehrere Indikatoren, dass autistische Schüler*innen stark überproportional unter dem Schulbesuch leiden und besonders von Alternativen zum Präsenzunterricht, wie Homeschooling, online Beschulung und freiem Lernen profitieren würden.
So stellt die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK)1 der Kultusministerkonferenz in einer Stellungnahme von 2026 fest:
„Die Situationsanalyse der Kommission zeigt, dass autistische Schüler trotz vielfältiger Bemühungen der Länder oftmals kein Lernumfeld vorfinden, das ihren individuellen Bedürfnissen gerecht wird.“
Hier stellen wir zunächst einige knappe Hintergrundüberlegungen zusammen, bevor wir konkrete Ergebnisse aus der aktuellen Forschung betrachten.
Alle autistischen Menschen sind individuell sehr verschieden. Grundsätzlich treffen die folgenden Generalisierungen aber auf die Mehrheit autistischer Menschen zu:
- Ein sehr wichtiger Faktor autistischen Erlebens betrifft die sensorische Wahrnehmung. Geräusche, Gerüche, haptische Eindrücke, bestimmte Lichtverhältnisse, bestimmte Farbkombinationen, bestimmte Temperaturen, Luftzug, und unzählige andere Faktoren, die die meisten Menschen höchstens am Rande wahrnehmen, können bei autistischen Menschen die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen und im schlimmsten Fall für starke Schmerzen sorgen.
- Es gibt geläufige Verhaltensweisen und soziale Konventionen, die aus autistischer Sicht bizarr und sinnlos sind. Autistische Kinder müssen früh lernen, sich solchen Gepflogenheiten anzupassen, um nicht negativ aufzufallen. Das kostet sehr viel Energie. Manchmal gelingt die Anpassung nicht, dann werden Autist*innen schnell als „anders“ identifiziert, meist mit negativen Folgen.
- Autistische Menschen interessieren sich oft für bestimmte Themen sehr stark. Sie verfolgen diese Interessen dann zumeist mit weit überdurchschnittlicher Energie. Dagegen ist es für Autist*innen in der Regel schwierig bis unmöglich, sich mit Inhalten zu befassen, die sie nicht interessieren.
- Es gibt Dinge, die den meisten Menschen schwer fallen, die für manche Autist*innen aber einfach sind. Was genau diese Dinge sind, entscheidet sich zwischen autistischen Personen zum Teil stark. Umgekehrt gibt es Dinge, über die die meisten Menschen kaum nachdenken, die für manche autistische Menschen aber schwierig sind.
Autistische Menschen fühlen sich in neuro-inklusiven Räumen mit Neurokin (also Menschen mit ähnlichem Neurotyp) häufig sehr wohl und können sehr gut gemeinsam Zeit verbringen. Ohne die Kreativität, Ausdauer und Detailverliebtheit vieler autistischer Menschen wären unsere Welt weitaus ärmer an kreativen Schöpfungen, innovativen Ingenieursleistungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Ein System aber, das in keinster Weise auf autistische Lebensrealitäten eingestellt ist, aggressiv neurotypische Verhaltensnormen einfordert, und gleichzeitig im Minutentakt kleinteilig vorgibt, was zu tun ist, ist für autistische Kinder eine extrem feindselige Umgebung, die ihrer Gesundheit massiven Schaden zufügen kann.
Analoges gilt wahrscheinlich auch für viele andere Formen der Neurodivergenz. Wir konzentrieren uns hier aber auf Autismus, weil unsere eigenen Erfahrungen hierzu besonders relevant sind, und die Forschungslage besonders deutlich ist.
Benachteiligung autistischer Schüler*innen
In Schabram & Kroworsch (Deutsches Institut für Menschenrechte, 2026)2 finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass das Schulsystem ganz besonders bei autistischen Schüler*innen versagt. Hier fassen wir die wichtigsten Fakten aus der Studie zusammen, für die ca. 7500 Eltern behinderter Schulkinder befragt wurden.
In den folgenden Auswertungen steht „Behinderte“ für die Gesamtheit aller behinderten Schüler*innen inklusive Autist*innen. Die Bezeichnung „Autisten“ gilt für autistische Schüler*innen jeglichen Geschlechts, die hier zum Vergleich als Einzelgruppe herausgegriffen werden.
Schulen sind auf autistische Schüler*innen nicht eingerichtet
Autistische Kinder werden weniger stark akzeptiert als andere behinderte Kinder. Auf die Frage „Finden Sie, dass ihr Kind an der (allgemeinen) Schule genauso willkommen und angenommen ist wie Kinder ohne Behinderung?“ antworteten mehr als ein Viertel der befragten Eltern mit „gar nicht“ oder „eher nein“. Dies suggeriert bereits ein bedenkliches Maß an genereller Behindertenfeindlichkeit an allgemeinen Schulen. Bei autistischen Kindern sieht die Lage jedoch noch schlechter aus als bei anderen Behinderungen. Etwa 37% aller Eltern autistischer Schüler*innen fanden, dass ihr Kind nicht so willkommen an der Schule sei wie Kinder ohne Behinderungen.

Förderbedarf an allgemeinen Schulen“.
Zudem sind Lehrkräfte generell nicht zureichend ausgebildet mit Blick auf behinderte Kinder. Auch hier zeigt sich, dass die Expertise zu Autismus besonders dürftig ist. Dies gilt besonders für allgemeine Schulen, wo fast 63% aller Eltern autistischer Schüler*innen angaben, dass „wenig oder gar kein“ Fachwissen zur Behinderung ihrer Kinder vorhanden sei.

Besonders an Regelschulen erhalten behinderte Kinder häufig kein passendes Lernmaterial. Auch dies gilt besonders für autistische Schüler*innen. Etwa 40% der Eltern autistischer Schüler*nnen gaben an, dass ihre Kinder „selten oder nie“ passendes Material bekamen.

Autistischen Schüler*innen und ihren Sorgeberechtigten geht es an der Schule nicht gut
Auch wenn es um das Wohlbefinden von behinderten Schüler*innen geht, werden besondere Nachteile für autistische Schüler*innen deutlich. Während es, nach Einschätzung der Eltern, etwa 75% aller behinderten Schülger*innen auf allgemeinen Schulen „gut“ oder „eher gut“ geht, trifft dies nur auf etwa 60% aller autistischen Schüler*innen zu.

Besonders die Belastung der Sorgeberechtigten fällt bei autistischen Schüler*innen sehr drastisch aus. Etwa 66% empfanden die Organisation des Schulbesuchs als „sehr belastend“, im Vergleich zu 49% der Eltern der Gesamtheit behinderter Kinder. Insgesamt empfanden 98,3% aller Eltern autistischer Schüler*innen die Organisation des Schulbesuchs als „etwas belastend“ oder „sehr belastend“.

Autistische Schüler*innen werden teilweise vom Unterricht ausgeschlossen
Während es Schüler*innen wegen der Schulpflicht verboten ist, außerhalb von Krankheit oder Sonderbeurlaubung dem Unterricht fernzubleiben, behalten sich Schulen durchaus das Recht vor, ihre Schüler*innen vom Schulbesuch auszuschließen.
Besonders oft werden autistische Schüler*innen nach Hause geschickt. Dies ist etwa 43% der autistischen Kinder befragter Eltern bereits passiert, vielen davon mehrfach.

Autistische Schüler*innen werden auch besonders oft vom Unterricht ausgeschlossen, wenn ihre Schulbegleitung ausfällt. 37,5% aller autistischen Schüler*innen durften laut Befragung „selten“ oder „nie“ am Unterricht teilnehmen, wenn die Schulbegleitung ausfiel.

Gelegentlich kommt es zu einem vorübergehenden Aussetzen der Schulpflicht. Dies ist in der Regel nur möglich, wenn akute gesundheitliche Probleme den Schulbesuch physisch unmöglich machen. Nach eigener anekdotischer Erfahrung tritt dies bei autistischen Kindern und Jugendlichen erst dann ein, wenn sie durch den Schulbesuch schwere und langfristige gesundheitliche Schäden erlitten haben.
Allerdings können Schüler*innen auch, wenn es regelmäßig zu Verweisen von der Schule kommt, als „unbeschulbar“ eingestuft werden, was ebenfalls zum zeitweisen Aussetzen der Schulpflicht führen kann. Beim Vergleich zwischen autistischen Schüler*innen und der Gesamtheit behinderter Schüler*innen wird dabei deutlich, dass die Dauer des Aussetzens der Schulpflicht bei Autist*innen mit durchschnittlich 18,3 Monaten deutlich länger ist als der generelle Durchschnitt von 15,4 Monaten.

Autistische Schüler*innen werden von allgemeinen Schulen an Förderschulen ausgelagert
Schließlich wird Eltern autistischer Schüler*innen auch im Vergleich öfter nahegelegt, ihre Kinder auf einer Förderschule zu beschulen. Solche Vorschläge kommen zum einen von Mitarbeitenden der Schulen.

Aber auch Eltern anderer Kinder oder Mitschüler*innen machen manchmal entsprechende Vorschläge.

Laut Befragung sind 26,6% aller behinderten Kinder befragter Eltern von der allgemeinen Schule auf die Förderschule gewechselt. Dafür wurden viele unterschiedliche Gründe genannt. Drei Gründe wurden von Eltern autistischer Schüler*innen deutlich häufiger genannt als von der Gesamtzahl von Sorgeberechtigten. Der Grund „Die Schule kam mit meinem Kind nicht zurecht“ wurde von 39% der Eltern aller behinderten Kinder genannt, darunter aber von 54% aller autistischen Kinder. Ähnlich verhält es sich bei den Gründen „Mein Kind war an der Schule nicht glücklich“ und „Die Schule ist nicht gut auf die besonderen Bedürfnisse meines Kindes eingegangen“.

Die Autor*innen der Studie kommentieren diesen Befund wie folgt:
Dieser Befund stützt die These, dass Schwierigkeiten weniger durch Anpassungen innerhalb der allgemeinen Schule angegangen werden, sondern teilweise auch durch eine Verlagerung in die Förderschule gelöst werden und damit Ausdruck einer selektiven Logik sind.
Fazit
Insgesamt ergibt sich das folgende Bild für autistische Schüler*innen:
- Autistische Kinder sind an allgemeinen Schulen oft nicht willkommen.
- Es gibt an allgemeinen Schulen meistens kein Fachwissen seitens der Lehrkräfte zu Autismus.
- Lehrmaterial, das den speziellen Anforderungen autistischer Schüler*innen gerecht wird, ist die Ausnahme.
- Autistische Schüler*innen fühlen sich weder an allgemeinen Schulen noch an Förderschulen besonders wohl.
- Die Belastung für Eltern autistischer Schüler*innen, besonders an allgemeinen Schulen, ist extrem hoch.
- Autistische Schüler*innen werden häufig vom Unterricht ausgeschlossen und dürfen ohne Schulbegleitung oft nicht teilnehmen.
- Wenn die Schulpflicht vorübergehend ausgesetzt wird, ist die durchschnittliche Dauer bei autistischen Schüler*innen deutlich länger als im Durchschnitt aller behinderten Kinder.
- Autistischen Schüler*innen wird überdurchschnittlich oft nahegelegt auf eine Förderschule zu gehen.
- Wenn autistische Schüler*innen tatsächlich von der allgemeinen auf die Förderschule wechseln, liegt es meist daran, dass die allgemeinen Schulen ihnen keinen guten Lernort bieten.
Ergänzt durch Erfahrungen aus der autistischen Gemeinschaft, interpretieren wir diese Befunde wie folgt:
Allgemeine Schulen haben in der Regel nicht die Kompetenz und die Ausstattung, autistische Schüler*innen inklusiv zu beschulen. Statt ihre Defizite zu beheben, geben sie die Inklusionsarbeit an die jungen Menschen und ihre Eltern ab. Wenn diese die Autismusfeindlichkeit der Schulen nicht kompensieren können, werden betroffene Schüler*innen vom Unterricht ausgeschlossen und an Förderschulen ausgelagert.
Schulabsentismus
Hintergrund
Autistische Kinder bleiben sehr häufig der Schule dauerhaft fern. Wenn Kinder und Jugendliche dauerhaft nicht zur Schule gehen, obwohl sie eigentlich dort zum Lernen angemeldet sind, spricht man von Absentismus. Sasso & Sansour (2024)3 haben systematisch verschiedene Studien zum Thema Absentismus bei autistischen Schüler*innen ausgewertet. Verschiedene Studien ergaben dabei unterschiedliche Raten an Absentismus. Eine australische Studie von 2021 ergab mit 72,6% die höchste Rate von Absentismus (Adams 2021).4 Die niedrigste Rate von 23,7% wurde in einer japanischen Studie von 1991 festgestellt (Kurita 1991).5 In jeder Studie waren die Raten für Schulabsentismus für autistische Kinder im Vergleich zu anderen Kindern stark erhöht.
Beispiele für konkrete Befunde sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst.
| Studie | Land | N | Alter | Absentismus |
|---|---|---|---|---|
| Adams (2021) | Australien | 106 | 11.8 | 72.6% |
| Anderson (2020) | Schweden | 1799 | 6-21 | 51.3%/57.6% |
| Totsika et al. (2020) | UK | 486 | 10.6 | 43% |
| Munkhaugen et al. (2017) | Norwegen | 78 | 12.3 | 42.6% |
| McClemont et al. (2021) | US | 154 | 10.2 | 35% |
| Kurita (1991) | Japan | 135 | 13.2 | 23.7% |
Diese Zahlen zeigen auch, dass autistische Kinder und Jugendliche nicht nur im deutschen Schulsystem zu kämpfen haben. Das Problem ist international.
Wir sind der Überzeugung, dass Schulen deutlich inklusiver für Autist*innen sein können, vor allem wenn es Fachwissen bei Schulangehörigen, Toleranz, Ruheräume und deutlich mehr Raum für Selbstbestimmung gäbe. Selbst in autismusfreundlichen Schulen würden einzelne Betroffene allerdings wahrscheinlich keine sehr guten Lernbedingungen vorfinden. Sie sind daher besonders auf die Freiheit angewiesen, selbstbestimmte Bildungswege zu finden.
Entwicklung von Schulabsentismus
In Sasso (2026)6 wird ausführlich qualitativ beschrieben, wie und warum sich bei autistischen Schüler*innen Schulabsentismus entwickelt. Dort kommen viele Betroffene selbst zu Wort, wir können die Lektüre unbedingt empfehlen. Hier greifen wir ein paar einzelne Perspektiven heraus, die einen Eindruck vermitteln und für einige Grundmotive recht repräsentativ sein dürften. Die Zitate sind in spezieller Umschrift nach Konventionen aus der Soziologie transkribiert.
Fred, 15, berichtet von einer schrittweisen Verschlechterung, die vielen Betroffenen bekannt vorkommen dürfte:
„Naja also (.) ich hatte halt schon (.) von der Grundschule an halt immer son bisschen Probleme in der Schule halt so da dann halt das zu schaffen auch in der Grundschule, schon hatten wir mit den Lehrern mal (.) schon Gespräche eben weil (.) es für mich zu stressig war da konnte man dann noch Lösungen finden, und jetzt auch in der weiterführenden Schule (.) war es halt son bisschen Dauerthema und irgendwann ging es dann halt einfach nicht mehr.“ (6_Fred_15, Pos. 9).
Marten, 15, spricht die typische Mischung aus Unterforderung und Überforderung an, die viele autistische Schüler*innen kennen:
„Dann war ich in der vierten Klasse, da hats angefangen schwierig zu werden, ja da wa:r mir ziemlich langweilig, ich hatte alles irgendwie schon durchgekaut und es war halt nichts Neues mehr. […] Wir haben die gleichen Sachen quasi weiter wiederholt und es war ziemlich- also vom Stoff her, (.) sehr UNTERfordernd aber von der allgemeinen Schulsituation her ziemlich ÜBERfordert. Ja es war LAUT, es wurde rumgerannt, äh es wurde rumgeschrien […] UND dazu kam halt auch noch krasses Mobbing von Mitschülern und teilweise sogar von LEHrern.“ (14_Marten_15, Pos. 20).
Ella, 12, kommentiert ihre Entscheidung, eine bestimmte Schule nicht weiter zu besuchen:
„[…] an dieses Gymnasium wo die so, ((lachend gesprochen) demütigend zu mir waren), gehe ich, wenn es GEHT, NICHT WIEDER zurück.“ (5_Ella_12, Pos. 34-35).
Die Autorin der Studie (Sasso 2026:88) kommentiert dabei die Entwicklung, die die Sorgeberechtigten absentischer Schüler*innen durchlaufen, wie folgt:
Deutlich wird dabei ein Verstehensprozess, den die Eltern durchlaufen. Zunächst richten sich die Bemühungen der Eltern danach die Schulpflicht zu erfüllen, bis die Belastungen überwiegen und die Eltern sich zum Schutz des Kindes gegen den Schulbesuch entscheiden.
Weiter heißt es auf der gleichen Seite:
Der Mangel an Alternativen sowie die gesetzlich geregelte Schulpflicht beeinflussen alle Beteiligten im Prozess. Dabei wird insbesondere von Seiten der autistischen Schüler:innen nicht das Lernen an sich abgelehnt oder als problematisch empfunden, sondern der Schulbesuch als reine Anwesenheit in der Schule.
Diese Gleichzeitigkeit von Ablehnung der Schule bei gleichzeitig großem Bedürfnis zu lernen, drückt unter anderem Felicitas, 13, aus:
„Ne also, GEHEN WOLLEN- also jein ich wollte unbedingt viel lernen und ich dacht halt, nicht, dass man das anders konnte wie in der Schule. […] weil ich ja das alles lernen wollte, aber, eigentlich in die Schule selber wollte ich nie, […]“ (3_Felicitas_13, Pos. 26).
Autistische junge Menschen wollen in aller Regel lernen und sich für interessante berufliche Laufbahnen qualifizieren. Ein ihnen gegenüber feindseliges Schulsystem nimmt vielen von ihnen diese Möglichkeit.
Absentismus und PDA
Ein Stichwort, das im Zusammenhang mit Schulabsentismus und Autismus häufig zu hören ist, ist PDA. Die Abkürzung steht offiziell für „pathological demand avoidance“, also „pathologische Vermeidung von Anforderungen“. Betroffene bevorzugen die Langform „pervasive drive for autonomy“, also „umfassender Drang zur Selbstbestimmung“ oder auch „protective demand avoidance“, also „schützende Vermeidung von Anforderungen“.
Denn was sich dahinter verbirgt, ist für Betroffene nicht unbedingt pathologisch. Gerade (aber nicht nur) autistische Menschen machen regelmäßig die Erfahrung, dass andere ihr Verhalten nicht richtig interpretieren können und ihre Einschränkungen nicht richtig einschätzen können. Im Schulalltag führt dies besonders oft dazu, dass Autist*innen Situationen ausgesetzt werden, die sie nicht bewältigen können. Wenn sie ihre Überforderung maskieren, denken die Lehrkräfte, alles sei in Ordnung. Wenn sie stattdessen einen Meltdown erleben, gelten sie schnell als unbeherrscht und werden oft der Schule verwiesen. Autistische Kinder, die es trotz Überlastung schaffen, die Lehrkräfte rechtzeitig zu informieren, stoßen oft auf Unverständnis.
Solche Muster können dafür sorgen, dass ein autistisches Kind auf die Aussicht eines Schulbesuchs kategorisch mit Einfrieren oder Panik reagiert. Meistens handelt es sich hierbei nicht um eine bewusste Entscheidung. Es ist vielmehr die automatische Reaktion auf eine als extrem bedrohlich wahrgenommene Situation. Und diese Wahrnehmung beruht auf der Erfahrung, dass die Schule tatsächlich kein sicherer Ort ist, sondern regelmäßig in totale Überlastung durch extremen Stress führt.
Fazit
Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz stellt mit Blick auf Autismus und Präsenzbeschulung in anderen Ländern fest (SWK 2026: 45):
„Eine flexible Beschulung oder sogar die vollständig häusliche Unterrichtung wird international häufig als Entlastungsmöglichkeit für autistische Schüler:innen genutzt, wenn der Schulbesuch aufgrund sensorischer oder kommunikativer Überlastung und/oder psychischer Beeinträchtigungen zeitweilig nicht regelmäßig möglich ist.“
In Deutschland existiert diese Option wegen der Schulpflicht nicht. Neurodivergente Kinder werden auf Gedeih und Verderb in ein System gezwungen, das vielen von ihnen schadet. Wir glauben, dass es an dieser Stelle deutlich mehr Flexibilität braucht, und den Mut, Bildung neu zu denken.
Quellen
- Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz
(SWK) (2026). Autistische Kinder und Jugendliche in der Schule unterstützen. Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. ↩︎ - Schabram, Greta / Kroworsch, Susann (2026): Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Eltern von Kindern mit Behinderungen. Berlin: Deutsches Institut für Menschenrechte ↩︎
- Sasso, Isabella and Teresa Sansour. 2024. Risk and Influencing Factors for School Absenteeism among Students on the Autism Spectrum—A Systematic Review. Review Journal of Autism and Developmental Disorders. ↩︎
- Adams, D. (2021). Child and parental mental health as correlates of
school non-attendance and school refusal in children on the autism
spectrum. Journal of Autism and Developmental Disorders, 52(8),
3353–3365. ↩︎ - Kurita, H. (1991). School refusal in pervasive developmental disorders.
Journal of Autism and Developmental Disorders, 21(1), 1–15. ↩︎ - Sasso, Isabella. 2026. Schulabsentismus, Autismus und der Verlust von Selbstwirksamkeit. Eine Grounded Theory zur Perspektive der jungen Menschen. Bad Heilbrunn. Verlag Julius Klinkhardt ↩︎
