Kategorie: Ressourcen

Hier sammeln wir weiterführende Quellen und Ressourcen zum Thema Schulpflicht in Deutschland.

  • Homeschooling through a human rights lens

    Der UNESCO-Bericht von 2025 mit dem Titel „Homeschooling through a human rights lens“ ist ein aus unserer Sicht interessantes, aber auch etwas verstörendes Dokument.

    Einerseits liefert es eine vielschichtige Diskussionsgrundlage darüber, wie sich Homeschooling zum Recht auf Bildung verhält: Auch in Ländern, die Homeschooling erlauben, darf dieses Recht weder den Staat noch die Sorgeberechtigten aus der Pflicht entlassen, den Kindern eine qualitativ hochwertige Bildung zuteil werden zu lassen.

    Allerdings kommt die Menschenrechtsperspektive erschreckend kurz darin, denn das Recht auf Homeschooling wird ausschließlich als Recht von Sorgeberechtigten verstanden, den Bildungsweg ihrer Kinder zu wählen. Das Recht von Kindern, ihren eigenen Bildungsweg zu wählen, kommt hier als Konzept nicht vor. Kinder werden hier ausschließlich charakterisiert als passive Nutznießende oder Opfer von Aktivitäten, die Erwachsene ausführen. Sie werden nicht als aktive Gestaltende ihrer eigenen Bildungsbiographie wahrgenommen.

  • Schule und Autismus: Barrieresensible Gestaltung inklusiver Schulen

    Das Projekt schAUT (Schule & Autismus) hat eine Handreichung ausgearbeitet, die Schulen die Möglichkeit gibt, gemeinsam mit jungen Autist*innen Barrieren zu identifizieren und abzubauen. Die Zielsetzung wird wie folgt zusammengefasst:

    • Die Beschulung autistischer Kinder stellt viele Schulen mangels angemessener Informationen und Unterstützung vor große Herausforderungen.
    • Autismus wird in dieser Handreichung als Seinsart einer Neurominderheit verstanden. Durch eine unzureichend angepasste Umwelt ergeben sich sensorische und soziale Teilhabebarrieren, die Lernbehinderung verursachen und Teilhabe verhindern.
    • Teilhabebarrieren sind sehr individuell. Daher ist die genaue Kenntnis individueller Barrieren zentral. Dazu müssen die Schüler:innen befragt werden.
    • Für diese Befragung stellt das Projekt schAUT einen alltagstauglichen Fragebogen bereit und erläutert seinen Einsatz in dieser Handreichung.
    • Für den Barrierreabbau ist neben Willen auch Kreativität gefragt, diese Handreichung liefert dazu Inspiration und Vorschläge.
    • Da es keine klaren Grenzen zwischen Teilhabebarrieren von autistischen und anderen Schüler:innen gibt, profitieren alle vom Abbau sensorischer und sozialer Barrieren.
  • Stellungnahme Autistische Kinder und Jugendliche in der Schule unterstützen

    Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz hat eine Stellungnahme zur Situation autistischer junger Menschen im deutschen Schulsystem veröffentlicht.

    Nach einer umfangreichen Auswertung der aktuellen Forschungslage kommt die SWK zu dem Schluss:

    „Die Situationsanalyse der Kommission zeigt, dass autistische Schüler trotz vielfältiger Bemühungen der Länder oftmals kein Lernumfeld vorfinden, das ihren individuellen Bedürfnissen gerecht wird.“

    Sie erkennt auch, dass Präsenzunterricht für autistische Schüler*innen nicht immer eine Option ist:

    „Zahlen aus einigen Ländern weisen darauf hin, dass es einen Anteil von autistischen Schüler:innen gibt, die nur im Rahmen verkürzter Unterrichtszeiten oder mit zeitweilig befristetem Distanzunterricht erreicht werden können.“ (S. 47)

    Obwohl die Empfehlungen sehr vorsichtig formuliert sind, und den Anspruch haben, die Schulpflicht nicht insgesamt in Frage zu stellen, wird doch deutlich, dass die Kommission einen Teil des Problems erkannt hat, der bei der Präsenzbeschulung autistischer Kinder auftreten kann, zumal in einem Schulsystem, das eigentlich keinen Raum für sie vorsieht. So heißt es auf Seite 45:

    „Eine flexible Beschulung oder sogar die vollständig häusliche Unterrichtung wird international häufig als Entlastungsmöglichkeit für autistische Schüler:innen genutzt, wenn der Schulbesuch aufgrund sensorischer oder kommunikativer Überlastung und/oder psychischer Beeinträchtigungen zeitweilig nicht regelmäßig möglich ist.“

  • 11 Tage Unterricht im Jahr

    Die TAZ hat einen Artikel über das Thema Autismus, Schulbegleitung und Ausschluss vom Unterricht veröffentlicht. Die Erfahrungen der siebenjährigen Mathilda dürften vielen autistischen Kindern bekannt vorkommen.

    Unter anderem beleuchtet der Artikel, dass Eltern autistischer Kinder bereits in dem bestehenden System oft keine andere Wahl haben, als ihre Lohnarbeit teilweise aufzugeben, um die Inklusionsarbeit zu leisten, die das Schulsystem versäumt:

    „Matildas Mutter muss ihr Leben umkrempeln: Ihren Job kann sie seit Monaten nicht mehr ausüben. Stattdessen ist sie Mutter und Lehrerin in einem, übt mit Matilda zu Hause Lesen, Schreiben und Rechnen.“

    Die Schulpflicht sorgt zusätzlich dafür, dass die Familien ständigem Druck durch Schulen und Ämter ausgesetzt sind, und mit Pathologisierung der Kinder und Strafen rechnen müssen. Demgegenüber würde eine Aufhebung der Schulpflicht zumindest einen Raum zum Durchatmen und einen planbaren Rahmen geben, in dem Familien in Zusammenarbeit mit Schulen individuelle Lösungen finden, ohne Angst vor Kriminalisierung und Ausgrenzung.

  • Faul oder krank? Das steckt hinter PDA-Autismus

    In diesem Beitrag vom 23.06.2026 beleuchtet die Sendung Nano das Phänomen des Schulabsentismus bei autistischen Kindern mit PDA-Profil.

    Ein Auszug aus der Beschreibung:

    „Warum werden für manche Kinder selbst alltägliche Dinge zur unüberwindbaren Hürde? Der achtjährige Sohn von Vanessa gerät schon bei scheinbar einfachen Anforderungen in extremen Stress. Hinter den heftigen Reaktionen steckt ein bislang wenig bekanntes Profil im Autismus-Spektrum, das Familien vor enorme Herausforderungen stellt. Während Eltern und Fachleute nach Lösungen suchen, geraten viele Betroffene zwischen ihre Bedürfnisse und die Anforderungen des Schulsystems.“

    So wichtig dieser Beitrag ist, ist doch bereits der Titel voll ableistischer Annahmen: „faul“ oder „krank“, das sind die einzigen Optionen, wenn die Antwort im Fall von PDA doch meistens einfach nur „anders“ heißt. Es bedeutet, dass die Gesellschaft auf eine Weise organisiert ist, die für die Betroffenen nicht funktioniert.

    Wenn eine Gehbehinderte Person daran scheitert, eine Treppe hochzugehen, würden wir sie dafür hoffentlich weder als „faul“ noch als „krank“ bezeichnen. Wir würde im besten Fall anerkennen, dass diese Art von Infrastruktur für diese Person nicht barrierefrei ist, und dass es alternative Zugänge braucht, um die Barrieren abzubauen.

    Ein analoges Verständnis ist für Neurodivergenz in der Bevölkerung leider kaum vorhanden.

  • Adultismus: Die Macht der Erwachsenen über die Kinder

    Gerade ist das Buch „Adultismus: Die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Eine kritische Einführung“ von Manfred Liebel und Philip Meade in neuer Auflage erschienen. Auf dem Klappentext heißt es:

    „Rassismus und Sexismus sind als Herrschaftsverhältnisse und Formen der Diskriminierung ebenso allgegenwärtig wie (formal) geächtet. Adultismus – die Macht der Erwachsenen über die Kinder – wird hingegen kaum thematisiert. Gleichwohl durchdringt er das Familienleben, das Bildungswesen, die Raumgestaltung, die Rechtssysteme und den politischen Diskurs. Adultismus ist in fast allen Gesellschaften so alltäglich, dass er selten als Problem wahrgenommen und unhinterfragt an die nächste Generation weitergegeben wird.

  • Erklärung zum Recht auf Selbstbestimmung in der Bildung

    Eine Gruppe von erwachsenen Aktivist*innen für Kinderrechte hat 2020 eine Erklärung zum Recht auf Selbstbestimmung in der Bildung entwickelt. Darin heißt es unter anderem:

    „Jeder junge Mensch hat das Recht auf Bildung. Bildung ist ein individueller, aktiver Prozess des Lernens und der Persönlichkeitsentwicklung. Dies lässt sich nicht verordnen und erzwingen. Die Schulpflicht verkehrt das Recht auf Bildung in sein Gegenteil, in einen kollektiven Zwang. Sie missachtet die Selbstbestimmungsrechte der jungen Menschen und ist einer freiheitlichen Demokratie unwürdig.“

    Es besteht weiterhin die Möglichkeit, diese Erklärung online zu unterzeichnen.

  • Zur verfassungsrechtlichen und gesellschaftlichen Problematik der Schulpflicht in NRW

    Die Initiative für Selbstbestimmte Bildung in NRW hat 2019 eigene Überlegungen zur Verhältnismäßigkeit der Schulpflicht und ihrem Status in den Landesgesetzen von Nordrhein-Westfalen zusammengestellt. In der Einleitung heißt es:

    „Die Landesgruppe NRW der Initiative für Selbstbestimmte Bildung setzt sich für junge Menschen in NRW ein, die sich selbstbestimmt und selbstorganisiert ohne Schulbesuch bilden oder dies anstreben, z.B. weil sie in der Schule keine geeignete Lernumgebung sehen. Meist werden diese jungen Menschen darin von ihren Eltern respektiert und unterstützt. Durch die Schulpflicht werden diese jungen Menschen und ihre Sorgeberechtigten bislang diskriminiert, oft pathologisiert und Zwangsmaßnahmen unterworfen. Viele Familien werden durch finanzielle Sanktionen in materielle Not getrieben. Andere verstecken sich oder wandern aus. Dieser Zustand ist unhaltbar.“

    Zum Volltext geht es hier.

  • Kritik der Schulpflicht

    In diesem philosophischen Artikel betrachtet Samuel Ulbricht die ethischen Grundlagen der Schulpflicht. Hier ein Auszug aus der Zusammenfassung:

    „Die allgemeine Schulpflicht in Deutschland hat erhebliche Freiheitseinschränkungen für Kinder und Jugendliche zur Folge. Dieser Umstand konstituiert eine außerordentliche Beweislast für Befürworter*innen des staatlichen Zwangs. Dieser Beitrag diskutiert, welche Gründe für die Schulpflicht sprechen und ob diese Gründe stark genug sind, um sie moralisch zu rechtfertigen. Es werden sechs vielversprechende und exemplarische Argumente geprüft, die unterschiedliche Vorteile der Schulpflicht für Schüler*innen und Gesellschaft herausstellen. Namentlich geht es um Demokratiestabilisierung, den Schutz zukünftiger Bürger*innen, die Schulpflicht als faire Gegenleistung, das Erziehungs- und Bildungsideal der Mündigkeit, den Schutz des Kindeswohls und die Beförderung der Autonomie. Es wird sich zeigen, dass keines dieser Argumente hinreichend ist, um die allgemeine Schulpflicht in Deutschland in ihrer aktuellen Form zu rechtfertigen, die ausschließlich und vollumfänglich für Kinder und Jugendliche, aber nicht für Erwachsene gelten soll.“

    Quelle: Ulbricht, Samuel. 2025. Zeitschrift für Praktische Philosophie. Band 12, Heft 2, 2025, S. 39–66. https://doi.org/10.22613/zfpp/12.2.2

  • Can’t not won’t

    Eliza Fricker hat ihre Erfahrungen mit ihrer eigenen Tochter in Form eines illustrierten Buches festgehalten.

    Eliza Fricker. 2023. Can’t not won’t. A story about a child who couldn’t go to school. Jessica Kingsley Publishers.